„Wir stellen Verbindungen her, indem wir als Netzwerk von Menschen im Bereich Bildung, Soziales, Kultur tätig sind. Wir arbeiten miteinander und erschaffen Kreativität und Gemeinschaft. Solche Erlebnisse geschehen mit den Menschen gemeinsam und gehen über das Angebot von etablierten Bildungs- und Kultureinrichtungen hinaus.“
So stellt sich das Labor 519 in einem Hinterhofgebäude in der Mathildenstraße in Rüttenscheid selbst vor. Die Veranstaltungsreihe unter dem Titel „Solar-Café Essen. Deine Energiewende. Gemeinsam. Lokal. Machbar.“ passte gut in diesen Anspruch.
Zur Abschlussveranstaltung „Impact & Learnings“ war die BUND-Kreisgruppe gebeten worden, einen kurzen „Impuls“ aus verbandlicher Sicht zu geben.
Essen: ganz vorne oder ganz hinten?
Trau´ keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast:
- Essen, die Stadt mit dem besten „Solarfaktor“* aller verglichen Großstädte (2024)
- Essen, mit Platz 77 von 80 aller Großstädte weit abgeschlagen beim Anteil der PV-Anlagen auf städtischen Gebäuden (2025)
Beides richtige Angaben, beides nur Ausschnitte der Wirklichkeit: Es scheint, als wären die Privaten in Essen gar nicht schlecht (auch aufgrund des städtischen Förderprogramms, das derzeit aber eingestellt ist), jedenfalls stark im Kommen, während die Stadt Essen selbst – immerhin die ehem. „Grüne Hauptstadt Europas“ – es weiter nicht auf die Reihe bekommt. Kurz: Es läuft noch immer nicht rund bei der Realisierung von Photovoltaik in Essen.
Warum ist die Vorbildfunktion kommunaler Dächer wichtig?
Die Stadt hat Vorbildfunktion und sollte natürlich endlich tun, was die Politik längst zur Klimaneutralität beschlossen hat. Die langen Verzögerungen lassen sich nur noch schwer mit Lieferschwierigkeiten, Personal- und Gutachtermangel oder Problemen mit der Einspeisung erklären. Diese Probleme haben andere auch.
Die Solarwende baut aber ganz wesentlich auch darauf, zu zeigen, dass es funktioniert mit den Erneuerbaren. Die städtischen Liegenschaften (Schulen, Kitas, Verwaltungsgebäude, Sportanlagen …) verteilen sich über den gesamten Stadtraum. Wie sollte es einfacher sein, Vorbild auch im wörtlichen Sinne zu werden?
Überzeugende Fürsprecher in Essen? Eher Fehlanzeige!
Eine These für die Erklärung der Umsetzungsdefizite scheint darin zu liegen, dass Umweltschutz in Essen wenig öffentlichkeitswirksame Fürsprache auf höchster Ebene hat. Es wird viel geredet und konzipiert – aber das eigentliche Ziel ist der Erhalt des Status Quo so lange es geht.
Gezielte und gelenkte Veränderung bedarf aber der nicht nur verbalen Fürsprache. Erforderlich sind Führungspersonen, denen man den Willen zu und die Überzeugung für die Notwendigkeit von Veränderungen auch abnimmt.
Transformationsarbeit ist wie soziale Arbeit – aufsuchend
Da „Klima“ gerade für konservative Parteien derzeit als gefährliches Thema wahrgenommen wird, gibt es keinen Anlass zur Hoffnung auf eine kurzfristige Änderung der Haltung von Politik und Verwaltung. Die Einschätzung seitens des BUND auf der Veranstaltung war daher, auch bei uns kann es vorerst nur mit privater Initiative weiter voran gehen. Mit Gruppen, die das Thema mit der nötigen Begeisterung aufgreifen. Begeisterung, die ansteckt und überzeugt wie im Vortrag von Beate Petersen, selbst im Vorstand des BUND in Wuppertal aktiv.
Und dazu bedarf es eines Verständnisses der sozial-ökologischen Transformation – als deren Teil auch die Energiewende zu betrachten ist – die der von sozialer Arbeit vergleichbar ist: sie ist aufsuchend, geht dahin, wo die Menschen sind:
- in Organisationen – egal ob Kirche, Bürgervereine, Parteien oder eine Werbegemeinschaften …
- dort wo sie sich treffen und austauschen – in Kitas, Schulen, Sportvereinen …
- dort wo sie wohnen.
Auf jeden Fall geht sie die Schritte raus aus der „Bubble“ der schon Überzeugten, die sich bei der Veranstaltung ausgetauscht haben.
Fürs Weiterlesen und Diskutieren:
Hannah Müller (PHD energy commons FernUniHagen) moderierte die Veranstaltung.
Ollie Pendered / communityenergypathways (per Video/UK) stellte ein vielfach bewährtes Modell vor, die Idee in breite Stadtgesellschaften zu tragen.
Beate Petersen / BEG58 sprach im Bürgerenergie-Kontext über Gemeinwohlorientierte Finanzierungsmodelle.
Ronald Biallas / Solarbotschafter des SolarFörderverein sprach über die "Packs drauf Kampagne": Solar-Partys im Rheinland und westlichen Ruhrgebiet
Andreas Bolle / BUND Essen spricht über Umsetzungsstrategien.
Eugen Mangazeev / meine-Solarmarkiese stellte sein Startup vor, das nicht nur für Restaurants interessante stoffgebundene Möglichkeiten der Energiegewinnung umfasst.
Filip Visters / Ichoosr (BE) sprach über Auktionsmodelle als Multiplikator für Gemeinschaftsinvestitionen.
*Der „Solarfaktor“ stellt das Verhältnis der Fläche neu errichteter Solaranlagen zu der Fläche neu gebauter Dachflächen dar.