Durch die weitere Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich mit der hier beschriebenen Verwendung von Cookies durch den BUND einverstanden. An dieser Stelle können Sie auch der Verwendung von Cookies widersprechen bzw. eine erteilte Einwilligung widerrufen. Der Einsatz von Cookies erfolgt, um Ihre Nutzung unserer Webseiten zu analysieren und unser Angebot zu personalisieren.

BUND-Kreisgruppe Essen

Fahrradstraße Rüttenscheider Straße

07. Februar 2020

Jörg Brinkmann (ADFC Essen) hat sich seine Gedanken zur geplanten Fahrradstraße auf der Rüttenscheider Straße gemacht

Seit nunmehr 25 Jahren darf sich die Stadt Essen offiziell als „fahrradfreundlich“ be­zeichnen. Grundlage dafür war ein damals vom Rat der Stadt Essen verabschiedetes gesamtstädtisches Radroutenkonzept. Es ist seither zwar eine Menge geschehen, häufig genug wurde jedoch vor allem dann etwas für Radfahrer getan, wenn dies mit möglichst wenig Beschränkungen für den Autoverkehr verbunden war. Vor einigen Jahren hat man nun erstmals konkrete Zielvorstellungen bei den Anteilen der ver­schiedenen Verkehrsträger am Gesamtverkehr festgelegt. Dabei soll der Radverkehr – so die offizielle Beschlusslage der Stadt – von heute 7% auf 25% im Jahr 2035 gesteigert werden.

Bei diesem Ratsbeschluss muss allen Beteiligten klar gewesen sein, dass eine ver­stärkte Förderung des Radverkehrs angesichts der seit Jahrzehnten festgeschriebe­nen Aufteilung der Straßenflächen zwangsläufig Einschränkungen für den Autover­kehr mit sich bringt. Dennoch wurde nie hinterfragt, warum ausgerechnet in einem dicht besiedelten Stadtteil wie Rüttenscheid dem fahrenden wie dem stehenden Autoverkehr bislang gut 90% des Straßenraums zugebilligt worden ist. Radwege sind, wenn es sie denn überhaupt gibt, fast ausschließlich auf Kosten der Gehweg­breiten angelegt worden. Die Rüttenscheider Straße ist ein Paradebeispiel dafür.

Und nun soll mit einer Umwidmung der „Rü“ in eine Fahrradstraße endlich einmal dieses ungeschriebene Gesetz durchbrochen werden. Dabei wird der Autoverkehr noch nicht einmal ausgesperrt. Jedes Geschäft, jede Kneipe wird nach wie vor aus allen Fahrtrichtungen auf vier Rädern erreichbar sein. Ob die geplanten Abbiege­zwänge an den Kreuzungen wirklich kontrollierbar und damit durchsetzbar sind, darf angezweifelt werden. Eine wirkliche Verringerung des Autoverkehrs ist dadurch kaum zu erwarten.

Genau daran entzündet sich einer der Kritikpunkte der Fahrradverbände: Die Stadt erfüllt mit ihrer Planung für die „Rü“ nicht die andernorts praktizierten Standards für Fahrradstraßen – herausgekommen ist quasi eine „Fahrradstraße light“. Versierte Radler, die auch heute schon mit dem Rad fahren, dürften damit keine Probleme haben. Aber eigentlich möchte die Stadt doch, dass wesentlich mehr Bürger auf´s Rad steigen. Bei den bestehenden Verkehrsverhältnissen – und daran wird sich an­gesichts der vorliegenden Planungen voraussichtlich kaum etwas ändern – werden aber viele auch zukünftig diesen Schritt nicht tun.

Dass die Stadt unter diesem Gesichtspunkt die zugegebenermaßen nicht optimalen Radwege wegfallen lassen will, grenzt schon fast an Zynismus. Schließlich motivie­ren diese den einen oder anderen Bürger, vielleicht doch noch auf´s Fahrrad zu stei­gen. Nur eine Einbahnregelung, welche mehr Raum auf der Fahrbahn bei gleichzeiti­ger Verringerung des Autoverkehrs mit sich bringt, würde die Radwege tatsächlich überflüssig machen. Nicht berücksichtigt wurde bei den Planungen im Übrigen auch ausreichend viel Abstellfläche für die ständig steigende Zahl von Lastenrädern und Fahrradanhängern.

Es mutet fast schon anachronistisch an, dass mutmaßlich aus der Geschäftswelt die Fahrradstraße schon vor ihrer Einrichtung schlecht geredet wird. Auf diese Weise wurde vor etlichen Jahren die damals zeitlich befristete Fußgängerzone kaputt ge­macht, anstatt diese offensiv und positiv zu vermarkten. Ohnehin liegt mit der aus­schließlichen Fokussierung auf autofahrende Kunden ein großer Denkfehler vor. Die Erfahrungen aus vielen anderen Städten zeigen mittlerweile, dass Rad fahrende Kunden zwar möglichweise für den Moment etwas weniger einkaufen, dieses dafür aber umso häufiger tun und dabei vor allem sehr viel ortstreuer sind.

Es muss allen Beteiligten endlich auch einmal klar werden, dass sich Rüttenscheid in den letzten Jahren stark gewandelt hat. Eine neue junge Generation hat hier nach und nach Einzug gehalten, welche nicht mehr so auf das Auto fixiert ist wie in der Vergangenheit. Unter diesem Aspekt ist es schon befremdlich, wenn wiederum aus Geschäftswelt der seit 25 Jahren über die Rüttenscheider Straße führenden Nord-Süd-Achse – eine der wichtigsten Hauptradrouten in dieser Stadt – die Daseinsbe­rechtigung abgesprochen wird*.

Der Essener ADFC, sonst klarer Befürworter von Fahrradstraßen, sieht angesichts der völlig unzureichenden flankierenden Maßnahmen die Gefahr, dass ähnlich wie bei anderen Radverkehrsprojekten in der Vergangenheit die Umwidmung der Rütten­scheider Straße zu einem reinen Alibiprojekt verkommt. Dabei hätte es gerade die „Rü“ verdient, auch weiterhin nicht zu einer reinen Automeile zu verkommen. Dafür gibt es die parallel geführte und nur wenige Meter entfernt liegende Alfredstraße. Auf der Rüttenscheider Straße muss allen Bürgern und damit auch allen Verkehrsteilneh­mern gleichberechtigt Platz gewährt werden – nur das wird langfristig die Lebendig­keit eines Stadtteils ausmachen.

 

Jörg Brinkmann

Sprecher ADFC-Essen e.V.

 

Persönliche Anmerkung: Ich selber habe fast 30 Jahre lang in Rüttenscheid gelebt, weiß daher als aktiver Radfahrer sehr gut, wovon ich hier spreche. Der Umzug in den Essener Nordwesten vor einigen Jahren ist zwar nicht allein wegen der immer belas­tender werdenden Verhältnisse für Radfahrer in Rüttenscheid erfolgt, es ist aber ein wichtiger Grund dafür gewesen.

 

*)  WAZ/NRZ 03.01.2020

Zur Übersicht

BUND-Bestellkorb