Essen braucht mehr Straßenbäume. Die Sommer werden heißer, der Asphalt glüht. Bäume spenden Schatten, kühlen die Umgebung und verbessern die Lebensqualität. Keine grüne Dekoration fürs Stadtmarketing, sondern notwendige Klimaanpassung.
Nach gefühlt mehreren Eiszeiten kommunaler Planung liegt endlich ein Straßenbaumkonzept vor. Doch bevor die ersten Bäume wachsen, kultiviert die Koalition aus CDU und SPD eine bemerkenswerte Formulierung:
Zusätzliche Bäume auf vorhandenen
Baumstandorten?
„Es soll geprüft werden, ob bei der Schaffung zusätzlicher Baumstandorte vorrangig bereits vorhandene Baumstandorte und Baumbeete genutzt werden können.“
Bitte, was?
Das ist ungefähr so, als wolle man zusätzlichen Wohnraum schaffen, indem man prüft, ob neue Wohnungen bevorzugt in bereits vorhandenen Wohnungen untergebracht werden können.
Willkommen bei der kreativen Addition ohne zusätzliche Menge!
Natürlich ist es sinnvoll, leere Baumscheiben wieder zu bepflanzen. Doch eine alte Baumlücke zu schließen, ist zunächst die Reparatur eines grünen Defizits – kein zusätzlicher Baumstandort. Wer eine kaputte Fensterscheibe ersetzt, hat schließlich auch keinen Wintergarten gebaut.
Straßenbaumkonzept:
Erst planen, dann weiter prüfen?
Der Koalitionsantrag sieht außerdem vor, wesentliche Maßnahmen mit Eingriffen in den Straßenraum den zuständigen Gremien vor der Umsetzung zur Beratung und Beschlussfassung vorzulegen. Förderanträge sollen erst nach deren Zustimmung gestellt werden.
Sorgfältige Planung ist wichtig. Leitungen, Verkehrssicherheit und Barrierefreiheit müssen berücksichtigt werden. Aber irgendwann muss aus der Prüfung der Pflanzung auch eine Pflanzung werden.
Sonst entsteht eine neue Form der Klimaanpassung: Wir passen das Tempo unserer Maßnahmen so lange an, bis die nächste Hitzewelle schneller ist als die Verwaltung.
Während die Temperaturen steigen, lassen sich Zuständigkeiten klären, Vorlagen schreiben und Ausschüsse beschäftigen. Nur wächst davon kein einziger Baum. Allenfalls der Aktenstapel.
Essen braucht Schatten statt Schattenboxen
Straßenbäume kühlen, spenden Schatten und bieten Lebensraum. Gerade in dicht bebauten Quartieren zählt jeder geeignete Standort. Essen braucht deshalb beides: fehlende Bäume nachpflanzen und neue Pflanzmöglichkeiten erschließen. Das eine darf nicht als Ersatz für das andere verkauft werden.
Der Vorschlag des BUND Essen: gemeinsam feststellen, wo Bäume fehlen, wo zusätzliche Bäume Platz finden und wie sie möglichst schnell gepflanzt werden können. Fachliche Prüfungen sollen die Umsetzung ermöglichen, nicht endlos verzögern.
Weniger Wortwurzelwerk, mehr echte Wurzeln
Das Straßenbaumkonzept muss der Anfang sein, nicht die nächste Staffel der Serie „Wir prüfen das noch“.
Liebe Essener Kommunalpolitik: Wenn ihr zusätzliche Straßenbäume wollt, pflanzt zusätzliche Straßenbäume. Wenn ihr alte Baumstandorte nachbepflanzen wollt, macht das auch. Aber verkauft uns bitte nicht das eine als das andere.
Bäume können Städte kühlen, CO₂ binden und die Lebensqualität verbessern. Was sie nicht können: Aus einem vorhandenen Baumstandort einen zusätzlichen machen, nur weil es in einem Antrag steht.
Weniger Wortakrobatik. Mehr Wurzelwerk. Essen hat schon genug Asphalt – und ganz sicher keinen Schattenüberschuss.