(Martin Kaiser)
Du bist sehr aktiv und nicht nur beim BUND. Bist Du Aktivist?
Nein, sicherlich nicht. Aktivismus hat mir zu viel von Aktionismus. Ich brauche in der Regel etwas Zeit zum Recherchieren, Strukturieren und Nachdenken und will möglichst genau wissen, was ich tue. Außerdem steckt im Aktivismus traditionell oft drin, viel zu fordern – meistens von anderen – und sich selbst von der Verpflichtung zur differenzierten Begründung und zur Mitwirkung an der Lösungsfindung großzügig freizusprechen.
Wie bist du zum BUND gekommen?
Ursprünglich durch meine Beiratstätigkeit. Für den Beirat bei der Unteren Landschaftsbehörde, heute die Untere Naturschutzbehörde, wurde ich von Otto Lingesleben, einem Umweltpolitiker aus der FDP – ja, die gab es dort in der "guten alten Zeit" – angeworben. Zunächst auf Ticket der LNU (Landesgemeinschaft Naturschutz und Umwelt Nordrhein-Westfalen e.V.), später für den BUND. Als ich in den Rat der Stadt nachgerückt bin, habe ich den Beirat natürlich verlassen und es schloss sich eine lange Pause beim BUND an. Dort bin ich wieder aktiver geworden, als es vor Jahren einen massiven Streit zwischen zwei Lagern in der Kreisgruppe gab. Ein Jahr später ging es dann richtig los, weil ich mich über die Diskrepanz zwischen tollen Verlautbarungen und der deprimierenden verbandlichen Wirklichkeit ärgerte. Fokus war zunächst die Internetredaktion mit neuen engagierten Leuten, dann die Organisation einer viertägigen Fortbildungsreihe.
Dein Charakter?
Ich bin dafür bekannt, mit fast allen reden zu können und doch Klartext zu sprechen. Manchmal vielleicht zu klar, was dann unhöflich oder besserwisserisch klingt.
Hast du ein Problem mit dem „besser wissen“?
Im Grunde nicht. Es gibt ja nun einmal Unterschiede, jeder und jede bringt eigene Fähigkeiten und Kenntnisse mit. Und ich bin immer wieder irritiert, wenn ich im ehrenamtlichen Bereich Klagen über eine „mangelnde Augenhöhe“ seitens Politik und Verwaltung höre. Die Augenhöhe hat viel weniger mit einer Missachtung unserer Arbeit zu tun als mit tatsächlichen Kompetenzunterschieden. Wir tun uns immer noch sehr schwer, das zu akzeptieren und zu nutzen. Auch die verschiedenen Ebenen der Beteiligung und Mitwirkung werden zu wenig dahingehend unterschieden, wann das Küchentisch-Wissen reicht und wann Vorbereitung und spezielle Kenntnisse von Nöten sind. Nicht jeder kann sinnvoll auf konzeptioneller Ebene mitarbeiten, aber bei der Konkretisierung und Umsetzung geht gar nichts ohne die Breite der Bevölkerung.
Was ist dein inhaltlicher Schwerpunkt?
Allgemein wohl das Analytische und Strukturierende und damit letztlich das Umweltpolitische. Wollen wir wirksam werden, geht es bei uns mehr als in Politik und Verwaltung auch darum, anderen den umweltpolitischen „roten Faden“ aufzuzeigen. Im Speziellen sind es die Themenfelder Konzeptionelles, Wasser, Stellungnahmen und unsere Kontakte in Verwaltung und Politik.
Du arbeitest beruflich auch für die Stadt Essen – ein Problem?
Für einige Menschen sicherlich. Und mein Büro arbeitet ja auch für Investoren, Stadtwerke, Zweckverbände, Landesämter, Ministerien und so weiter.
Gerade auf kommunaler Ebene war und ist das nach meinen über 40 Jahren ehrenamtlicher Arbeit vielen bekannt. In Verwaltung und Politik hat das eher selten Probleme bereitet, diese gab und gibt es eher mit einigen ehrenamtlich Aktiven, die sich eine klare Frontlinie wünschen: schwarz oder weiß, Gutachter stehen für manche noch immer auf der Seite eines imaginierten Feindes. Fürs richtige Leben scheint mir diese Haltung wenig tauglich.
Dennoch lassen sich Loyalitätskonflikte bei beruflichen Projekten, die auch beim BUND landenm natürlich nicht bestreiten. Die Konflikte werden so gelöst, dass der Beruf vorgeht, denn daran hängen auch noch etliche Arbeitsplätze in meinem Büro. Ich bin dann im ehrenamtlichen Bereich eben raus. Nicht schlimm, denn es gibt immer genug anderes zu tun.
Deine Schwerpunkte für 2025?
Die Zeit bis zur Kommunalwahl und die Impulse, die wir vielleicht setzen können. Daneben die großen Kooperationen mit der Stadt im Gewässerbereich, beim Abfallvermeidungskonzept, beim Masterplan Stadtgrün und dem Landschaftsplan.
Mitgeführt werden eher kleine Projekte wie das Kompensationsflächenkataster, der Aufbau eines sinnvollen Kompensationsflächenpools mit StraßenNRW, der unsägliche Masterplan zum Messeparkplatz P2, Lichtimmissionen und Schottergärten. Bei letzterem nach berechtigter Intervention eines AG-Mitglieds verstärkt auch mit dem Blick auf die Grünverluste, die nicht durch pressewirksame aber schon immer illegale Schotterung, sondern durch die legale Anlage von privaten Parkplätzen hervorgerufen werden.
Über allem steht die Stärkung der Interventionsfähigkeit des verbandlichen Umweltschutzes – auch durch die Belebung unseres Verkehrs- und Umweltzentrums, dem VUZ. Und dazu müssen wir einfach mehr werden.
Das Thema Klimafolgenanpassung kam bisher nicht vor ...
Das ist quasi allen genannten Themen immanent. Vielleicht ist die Nichtnennung aber auch eine psychologische Reaktion. Der Frust darüber, was uns die „Grüne Hauptstadt Europas“ mit dem sogenannten Klimafolgenanpassungskonzept zugemutet hat und das weitgehende Versagen der Politik, klare Ziele und Maßnahmenvorschläge einzufordern, sitzen wirklich tief.
Verwaltung und Politik müssen aus ihrer nach meinen Empfindungen wachsenden Dysfunktionalität rauskommen und sich heutigen Anforderungen stellen. Wir brauchen sie für den unvermeidlichen gesellschaftlichen Wandel – aber wir müssen auch daran denken, dass die Kommunalpolitik für die meisten dort ebenfalls eine ehrenamtliche Tätigkeit ist. Nur gemeinsam kommen wir voran, was Konflikte nicht ausschließt. Ganz im Gegenteil: kritisch-konstruktiver Streit ist das Gemüse in der Suppe.
online gestellt am 06.01.2025